Wissenswertes über Kurzsichtigkeit und warum der Versuch im Kindesalter Einfluss zu nehmen sinnvoll sein kann

Bei Kurzsichtigkeit, in der Fachsprache "Myopie", sieht man in der Ferne nicht deutlich, z.B. die Wandtafel in der Schule. Myopie ist eine häufige Fehlsichtigkeit, die in der Regel bei Kindern im Schulalter beginnt und weiter zunehmen kann.

Die Häufigkeit der Kurzsichtigkeit hat weltweit zugenommen. Die Ursachen sind nicht vollständig bekannt, jedoch scheinen genetische und umgebungsbedingte Einflüsse beteiligt zu sein. Man nimmt an, dass umgebungsbedingte Faktoren einen erheblichen Einfluss haben. Die genetischen Grundlagen der Myopie umfassen familiäre Prävalenz und Ethnie. Die wichtigsten umgebungsbedingten Faktoren sind wohl Intensität und Dauer der schulischen Ausbildung und Anteil der Zeit die im Freien verbracht wird. Genannt werden unter anderem auch städtische Umgebung, Dauer der Naharbeit und höherer sozioökonomischer Status.

Die häufigste Form der Myopie wird durch ein Längenwachstum des Augapfels verursacht, wodurch die Netzhaut gestreckt wird und damit das Risiko von möglichen Komplikationen steigt. Hohe Kurzsichtigkeit erhöht das Risiko für krankhafte Veränderungen wie Netzhautablösung, myopische Makulopathie, Katarakt (Grauen Star) und Glaukom (Grünen Star).

 

Die Makula (auch gelber Fleck) ist die Stelle mit der höchsten Dichte an Sinneszellen. Mit der Makula wird die Sehschärfe zum Erkennen von Details erreicht. Veränderungen der Makula (Makulopathien) führen daher häufig zu einer signifikanten Reduktion der Sehschärfe.

 

Folgende Tabelle zeigt das erhöhte Risiko von Augenerkrankungen bei Kurzsichtigkeit:

Tabelle: Gifford, Kate: Preparing for the Myopia Control Stampede, Contact Lens Spectrum, 2016; Flitcroft, D.I.: The complex interactions of retinal, optical and environmental factors, Progress in Retinal and Eye Research, 2012 

Wie kann man das Fortschreiten der Kurzsichtigkeit mindern?

 

Die Myopie-Progression durch das Verhalten abschwächen

  • Mindestens eine Stunde täglich bei Tageslicht im Freien verbracht, reduziert die Zunahme der Kurzsichtigkeit. Diese Massnahme ist durch wissenschaftliche Studien abgesichert.
  • Eine unvollständige Korrektur der Kurzsichtigkeit, hat sich als kontraproduktiv erwiesen. Achten Sie darauf, dass die Kurzsichtigkeit vollständig auskorrigiert wird.

 

Die nachfolgenden Verhaltensregeln scheinen auf den ersten Blick plausibel und werden teilweise sogar mit Verweis auf Studien begründet. Jedoch konnte bei keiner die Wirksamkeit bewiesen werden, teilweise wurde sie gar wiederlegt.

 

  • 20:20 Regel -  gemäss dieser Regel soll alle 20 Minuten am Computer / Smartphone eine Pause von 20 Sekunden eingelegt wird, um in die Ferne zu schauen und die Augen zu entspannen. Wenn der Blick verschwommen werde, sei dies ein Hinweis darauf, dass häufigere Pausen erforderlich seien.
  • Intensive Arbeit in der Nähe, Smartphone, Tablett oder Computer Nutzung soll 30 Minuten vor dem Zubettgehen vermieden werden.
  • Nachtlichter oder sonstige signifikante Beleuchtung soll während der Schlafenszeit vermieden werden.
  • Beim Lesen soll auf ausreichende Raumbeleuchtung geachtet werden (was immer das konkret heisst). Die Augen würden beim Versuch ermüden, in schlecht beleuchteten Räumen zwischen Dunkelheit und Licht zu wechseln.
  • Beim Sehen in der Nähe soll ein minimaler Abstand von 30 - 40 cm eingehalten werden. Besonders bei Smartphones soll dies beachtet werden.
  • Regelmässige Augenuntersuchungen bei Ihrem Augenspezialisten. (Grundsätzlich sicher gut, aber nicht per se die Myopie-Progression bremsend.)

 

Therapiemöglichkeiten zur Myopie-Progressions-Kontrolle

 

Medikamentös

Nach wissenschaftlichen Kriterien am wirksamsten zur Verminderung des Augenlängenwachstums ist die lokale Anwendung von Atropin. Zur Anwendung gelangt sehr gering konzentriertes Atropin (0.01%). Die Wirksamkeit ist geringer als bei höheren Konzentrationen, der Rebound-Effekt nach der wash out Phase ist jedoch weniger ausgeprägt, so dass die diese Konzentration unter dem Strich doch die beste Wirksamkeit zeigt. Eine erweiterte Pupille kann sich während der Anwendung als Nebenwirkung zeigen.

Ortho-K (Nachtlinsen)

Die bis anhin beobachteten Resultate mit speziellen, nur über Nacht getragenen Ortho-K Contactlinsen, zeigen eine Reduktion des Augenlängenwachstums. Wodurch dieses zurückgebunden wird, ist ebenso wie bei der Atropin Therapie nicht sicher geklärt. Ein möglicher Rebound-Effekt nach Absetzen der Ortho-K Contactlinsen wurde bis anhin nicht aussagekräftig erforscht. Es besteht jedoch keine zeitliche Limitierung für die Anwendung von Ortho-K.

Die sanfte Modulation der Hornhaut während des Schlafs sorgt für gute Sicht in allen Distanzen während des Tages. Bei dieser Methode erübrigt sich somit eine zusätzliche Sehhilfe.

Multifokale Contactlinsen

Die Wirksamkeit von weichen sowie formstabilen Contactlinsen mit peripherer Modifikation der Bildweite (multikokale Contactlinsen) ist wissenschaftlich ungenügend abgesichert. Die beobachteten Resultate divergieren stark, daher wird diese Methode sehr kontrovers diskutiert.

Fachliche Beratung

Gerne beraten wir Sie zur Situation Ihrer Kinder und daraus resultierendem, weiterem Vorgehen in unserem Institut an der Kramgasse 54, in der unteren Berner Altstadt. Bitte vereinbaren Sie vorgängig einen Termin.